Ein Beitrag von Gergely Pr�hle
Botschafter der Republik Ungarn
Die Osterweiterung vergrößert die EU um eine rasch wachsende Region. Wie Außenminister Joschka Fischer formulierte: "Bei den Kandidaten-Staaten geht es nicht darum, 'Bittsteller' aufzunehmen, sondern eine 'Boomregion'. Die Wachstumsraten liegen in Mittel- und Osteuropa doppelt so hoch wie in der EU." Die Vollmitgliedschaft der Mittel-und Osteuropäischen Staaten in der EU können daher neue und bedeutende Wachstumsimpulse auslösen und die Wachstumsraten insgesamt auf höherem Niveau stabilisieren. Die ausstrahlende Wirkung dürfte nicht nur vorübergehender sondern dauerhafter Natur sein.
Ungarns Strategie und Interesse an der EU-Mitgliedschaft basiert auf der Erkenntnis, daß das kleine Ungarn die globalen Prozesse, die finanziellen und Informationsströme nicht an den Grenzen aufhalten kann. Ungarn ist im internationalen Vergleich außerordentlich außenwirtschaftsempfindlich und muß sich nicht nur an die globalen Prozesse, sondern auch an die Umgebung der wichtigsten Partnerländer anpassen.
Die Osterweiterung der EU könnte die ungarischen Standortvorteile in der Produktion, Forschung und Entwicklung verstärken und zusätzliche Ressourcen in den Dienst der Modernisierung stellen. Die Osterweiterung verbessert aber nicht nur in Ungarn, sondern auch in den anderen ostmitteleuropäischen Ländern die Bedingung des Wirtschaftswachstums; eine größere Wirtschaftsdynamik der Nachbarstaaten begünstigt wieder die exportorientierte Wirtschaftsentwicklung in Ungarn.
Die ungarische Vollmitgliedschaft in der EU kann wohl nicht mehr die Marktzugangschancen für Industrieprodukte verbessern, die Durchführung einer zweckmäßigen Landwirtschaftsstrategie könnte aber bedeutende Antriebskräfte in der ungarischen Agrarwirtschaft mobilisieren. Das Integrieren der Landwirtschaft ist eine strategische Frage für Ungarn.
Die wirtschaftlichen Motivationen Ungarns für die Vollmitgliedschaft sind also vielfältig und von strategischer Bedeutung. Die Kosten eines Ausbleibens der Integration können aber die heute noch nicht quantifizierbaren Anschlußkosten übertreffen. Ein Außenseiterstatus würde keine Möglichkeit zum Erwerb der finanziellen Unterstützungen bieten, die bisher in allen weniger entwickelten Mitgliedsländern zur beschleunigten Modernisierung beitrugen. Die Formulierung seiner strategischen Interessen macht gleichzeitig klar, daß Ungarn an einer Mitgliedschaft interessiert ist, die die Möglichkeiten des Ressourcenerwerbs und des Zugangs zu landwirtschaftlichen Märkten sowie der Interessenvertretung in den europäischen Entscheidungsstrukturen verbessern.
Nach den Angaben der letzten öffentlichen Meinungsforschung wird die Vollmitgliedschaft in der EU von zwei Dritteln der ungarischen Bevölkerung unterstützt. Die Vorbereitung auf die Osterweiterung, die umfassende Verbesserung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, die Erhaltung und Verstärkung der gesellschaftlichen Kooperation und Unterstützung, die Beseitigung der Gefahren eines anti-europäischen Sentiments ist nicht nur im ungarischen Interesse, sondern auch ein Anliegen der gesamteuropäischen Stabilität und Zukunftsarchitektur.
Die Bürger Ungarns haben kontinuierlich ein hohes Mass an Flexibilität, Anpassung und Willen zu Veränderungen an den Tag gelegt. Praktisch die gesamte Bevölkerung musste sich innerhalb von zehn Jahren derartig umfangreichen und tiefgreifenden neuen Herausforderungen stellen, mit welchen die meisten Bürger der EU-Mitgliedsländer - mit einer glücklicheren Geschichte - ihr ganzes Leben lang nicht konfrontiert worden sind. Deshalb ist es vielleicht nicht unberechtigt, wenn die Bürger Ungarns, aber sicherlich auch die anderen Anwärter Verständnis und Einfühlungsvermögen von der politischen und allgemeinen Öffentlichkeit der EU-Mitgliedsländer erhoffen und erwarten. Solidarität gehört nämlich zu den wichtigsten Prinzipien der Europäischen Union.
Das vereinigte Europa hat eine Zukunft, wenn es eine europäische geistige und moralische Kohäsion gibt, wenn sich die europäische Identität neben den nationalen Identitäten behaupten kann, und wenn die Initiative für den Aufbau von unten kommt, diese aber von oben unterstützt wird. Wenn die europäischen Bürger das vereinte Europa als das ihre empfinden, liegen die Grenzen desselben dort, wo die europäische Identität endet.
Weitere Informationen finden Sie beim
Ungarischen Außenministerium
( englisch oder
ungarisch)